Erste Landung in Grenchen

Aus Hangar31
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Willy Kämpfer uns seine De Havilland DH-60G Moth: Genau ein solches Flugzeug landete zum ersten Mal in Grenchen.
12. April 1931: Ernst Knab ist soeben mit der Moth in Grenchen gelandet und reckt sich nach dem Blumenstrauss. Rechts im hellen Anzug Flugplatzgründer Adolf Schild, im vorderen Cockpit Passagier Tettamanti.

1931 landete das erste Grenchner Flugzeug

Wie fühlt es sich an, wenn man selber nicht mehr der Jüngste ist, aber in ein viel älteres Flugzeug steigt? In den gleichen Flugzeugtyp, der vor 80 Jahren zum ersten Mal in Grenchen gelandet ist? Für die Zeitreise zurück in die 1930iger Jahre muss man zuerst nach Biel-Kappelen fahren. Dort steht in einem Hangar die De Havilland DH 60 Gipsy Moth. Der Doppeldecker gehört mit Jahrgang 1931 zu den drei ältesten fliegenden Flugzeugen der Schweiz.

Treffpunkt mit Willy Kämpfer. Der ehemalige Flugkapitän der Swissair war immer auch in seiner Freizeit ein passionierter Flieger und ist es heute noch, vor allem auf dem Flugplatz Langenthal-Bleienbach. Auf dem Flugplatz im Oberaargau hat er an Flugzeugen gewerkt, als er noch ein Mechanikerlehrling war in der Scintilla Solothurn. Schon 1958 führte er diverse Arbeiten am exakt gleichen Flugzeug aus, mit dem wir nun 52 Jahre später in die Luft gehen.

Auch heute kommt zuerst die Arbeit vor dem Fliegen. Alles will genau kontrolliert sein, denn der Oldtimer hat eine längere Winterpause hinter sich. Willy Kämpfer füllt Oel in den 85 PS starken Motor. Assistiert wird er von Chris Tucker: Der aus England stammende und im Neuenburgischen lebende Architekt hat von 1994 bis 2003 das alte Flugzeug wieder vollständig restauriert. Am 17. Dezember 2003, am 100. Jahrestag des ersten motorisierten Fluges der Gebrüder Wright, hob die Gipsy Moth in Langenthal-Bleienbach zum zweiten Jungfernflug ab. Dübendorf, Grenchen und Langenthal waren die Stationen gewesen zwischen 1931 und 1961, bis das Flugzeug für drei Jahrzehnte in einem Schuppen eingelagert und dann von Chris Tucker wieder flugbereit gemacht wurde.

Jetzt steht die HB-AFO auf der Wiese von Kappelen. Der dunkelblaue Rumpf glänzt in der Sonne. Wie muss sich der erste Grenchner Pilot Ernst Knab gefühlt habe, als er im April 1931 eine solche Gipsy Moth in der Fabrik von de Havilland abholte? Er ist mit Passagier Tettamanti in den Norden von London gereist, um das erste Grenchner Flugzeug zu übernehmen und nach Grenchen zu überfliegen. Über Paris ist er in mehreren Etappen zum neu eröffneten Flugplatz geflogen, um den freudig wartenden Uhrenstädtern ihr erstes Flugzeug zu überbringen. Das ist fein säuberlich dokumentiert im Flugreisebuch der CH-220, wie die "Grenchner Motte" damals registriert war. Ernst Knab hat mit seiner sauberen Schrift die Reise festgehalten.

Wir wollen nicht von London nach Grenchen fliegen. Es gibt nur einen kurzen Hüpfer von Kappelen via Limpachtal ins "Römerfeld", wo der Grenchner Flugplatz 1931 gebaut wurde. Der Motor muss am Propeller von Hand angelassen werden: Nur ein einziger Zug ist nötig, und der 80jährige Vierzylinder springt nach über vier Monaten Standzeit tadellos an. Die Vibrationen des Motors übertragen sich auf den Sperrholzrumpf und von dort auf den Körper. Als Kapitän eines Jumbo Jets führte Willy Kämpfer früher ein Riesenflugzeug mit 370 Tonnen Gewicht in die Luft. Nun sind es nur 800 kg, die von der Kappeler Graspiste abheben. In leichtem Linksbogen geht es vor Lyss durch Richtung Diessbach und dann am Rand des Bucheggbergs dem Limpachtal entlang. Fliegen pur im offenen Oldtimer. Es ist schon ein Erlebnis, in einem 40jährigen Oldtimer-Auto unterwegs zu sein. Nun ist es ein doppelt so altes Flugzeug. Genau so, mit dem sonoren tiefen Tuckern des Motors in den Ohren und den feinen Vibrationen im Körper, hat sich Ernst Knab am 12. April 1931 dem neuen Grenchner Flugplatz genähert. Freudig erwartet von den Uhrenstädterinnen und -städter, welche dem in den 1920er Jahren eingesetzten Schub in der Entwicklung der Luftfahrt folgen wollten. Nur eines hatte Ernst Knab damals noch nicht: den Funk. Es gab auch keinen Verkehr zu koordinieren, er war ja weit und breit alleine unterwegs. Heute ist es anders: Die bekannte Stimme am Funk fädelt uns über den Punkt "Echo" (die Aareinsel) in den Anflugverkehr ein.

Willy Kämpfer landet die "Motte" sanft, ganz der routinierte Pilot eben. Als wir zum Abstellplatz rollen, empfängt und keine klatschende und begeisterte Menge wie 1931. Fliegen ist Alltag geworden, auch in Grenchen. Aber der Doppeldecker ist ein Hingucker. Nicht, weil es das erste Flugzeug überhaupt ist in Grenchen, sondern ein historisches Fluggerät. Immerhin liegt ein Menschenleben dazwischen. Und jene, die 1931 den Flugplatz gegründet haben, sind längst nicht mehr unter uns. Dafür ist die HB-AFO ein fliegendes Denkmal an diese Zeit und daher von unschätzbarem ideellem Wert.

Quellen

(Dieser Artikel ist Eigentum des Autors / der Autorin und kann deshalb nicht editiert werden.)