Flugzeugdiebstahl in Grenchen

Aus Hangar31
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„Ein Flugzeug klauen und ab nach Spanien! Warum nicht?“ - Das sagten sich 1960 zwei Jugendliche. Bei Nacht und Nebel entwendeten sie ein Flugzeug aus einem Grenchner Hangar und starteten den Motor. Die Reise endete aber nicht in Spanien, sondern im Witibach.

Zugegeben: Der Monat November hat am Jurasüdfuss oft einen grauen und tristen Charakter. Da mag es nicht erstaunen, wenn Lust auf südliche Sonne entsteht. Am 30. November 1960 beabsichtigten auch zwei Jugendliche, „in ein besseres Leben“ zu fliegen. Sie wollten es wohl den Störchen gleichtun, die dem öden Winter auch den Rücken kehren. Nur können die Störche aber fliegen, was von den zwei Jugendlichen nicht eben behauptet werden kann, wie die glücklicherweise glimpflich abgelaufene Geschichte zeigt.

Die Spur führte zum Bach

Die beiden jungen Männer im Alter von 17 und 19 Jahren, ein Fabrikarbeiter und ein Schlosserlehrling aus Subingen respektive Langendorf, seien als Halbstarke bekannt, urteilte die Presse damals ungeschminkt. Einer von ihnen bemühte sich immerhin, vorerst einmal ein Flugzeug von innen zu sehen, bevor die Idee des Spanienfluges in die Tat umgesetzt wurde. Wie sich Walo Beier, Flugplatzleiter von 1952 bis 1966, in der Jubiläumsbroschüre „50 Jahre Flugplatz Grenchen“ erinnert, sei eines Tages ein etwa 18-jähriger Bursche auf dem Flugplatz mit dem Begehren erschienen, fliegen zu lernen. Nach etwa zwei Stunden und einigen Starts und Landungen sei er verschwunden und man habe nichts mehr von ihm gehört. Aber eines Morgens, es war der 30. November 1960, entdeckte Walo Beier eine frische Radspur. Er folgte dieser Spur, die im dichten Nebel über den Platz führte und im Witibach endete. Dort stak die Piper J-3C mit der Immatrikulation HB-OIU bis zur Kabine im Wasser, der Flugzeugschwanz ragte dem Bachbord entlang in die Höhe. Von den „Piloten“ war nichts mehr zu sehen.

Hangarschlüssel entwendet

Wie sich später zeigte und in der Presse auch niedergeschrieben wurde, haben die beiden Flugkapitäne in spe ihre Spanienreise sorgfältig geplant: Schon ein paar Tage zuvor besucht der Ältere den Flugplatz mit der Absicht, einen Hangarschlüssel zu entwenden, was ihm auch gelang. Am 29. November 1960, einem Dienstag, fahren die beiden Abenteurer mit dem Auto des älteren zum Bahnhof-Süd, wo sie die Nacht im Wagen verbringen. Um 4.30 Uhr begeben sie sich auf den Flugplatz, ziehen zwei andere Maschinen aus dem Hangar und schliesslich das bekannte Schulflugzeug. Die Piper wird Richtung Spanien aufgestellt, der Motor laufengelassen und - es geht los. Das kleine Flugzeug macht aber nicht, was ihr „Pilot“ will. Es gibt eine Kehrtwendung und der Motor stellt ab. Nichtsdestotrotz kommt es zu einem zweiten Versuch, aber diesmal geht es nicht Richtung Westen, sondern Richtung Norden, was prompt mit einem Absacker in den Witibach endet.

Glücklicherweise hatte nur einer der beiden eine geringfügige Verletzung. Der „Flug“ hätte viel schlimmer enden können, immerhin herrschte zum Zeitpunkt des „Starts“ noch Dunkelheit. Am Flugzeug entstand ein Schaden von 8'000 bis 10'000 Fr., noch heute ein happiger Betrag, geschweige denn damals. Mit dem Auto suchten die Burschen wieder das Weite, stellten sich dann aber freiwillig der Polizei, als die Bevölkerung per Radioaufruf um Mithilfe gebeten wurde. Der Flugzeugdiebstahl von Grenchen fand seinen Niederschlag in der nationalen Presse, und noch die AeroRevue vom April 1964, es war eine Sonderausgabe über den Flugplatz Grenchen, rief den – im Nachhinein eher belustigenden – Vorfall mit einer Karikatur in Erinnerung.

Quellen

(Dieser Artikel ist Eigentum des Autors / der Autorin und kann deshalb nicht editiert werden.)