Kampfjet F-84 Thunderjet stürzt in den Gewitterwolken ab

Aus Hangar31
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Absturzort des F-84 Thunderjet bei der Tiefmatt. Der Pfeil zeigt die Flugrichtung.
Das Flugzeug riss ein drei Meter tiefes Loch in das Weidland.
Die Karte zeigt die Flugroute der Patrouille der vier Thunderjets.

Um Haaresbreite entging der Berghof „Tiefmatt“ einer Katastrophe

Nur mit grossem Glück entging der Berghof Tiefmatt einer Katastrophe: Am 22. Mai 1953 raste ein französischer Kampfjet in 180 m Entfernung in den Boden. Der Pilot fand den sofortigen Tod und das Flugzeug wurde förmlich pulverisiert. Doch wie kam es, dass ein Jet der französischen Luftwaffe in der Region Grenchen abstürzte?

Am Kalender steht Freitag, der 22. Mai 1953. Auf einem Flugplatz in Süddeutschland besteigen vier Piloten der französischen Luftwaffe ihre Republic F-84 Thunderjet. Sie sollen einen Patrouillenflug über Strasbourg, Paris, Nancy nach St. Dizier vornehmen. Einer der Piloten ist der Sous-Lieutenant Maurice Le Mahout von der „Premier escadre de chasse“, dessen Schicksal sich auf diesem Einsatz am Abhang des Romontberges erfüllen sollte. Der Flug wird teilweise unter Instrumentenflug-Bedingungen stattfinden: Die Atmosphäre ist an diesem Tag labil mit einer starken Gewitterneigung. Cumulonimbus, also Gewitterwolken, ragen bis auf eine Höhe von über 15'000 Metern in den Himmel.

Es ist 14.12 Uhr, als die vier F-84 starten und Richtung Süden fliegen. Bei Kandern wenden die Jets nach Osten und fliegen dann über dem Schwarzwald eine Dreiviertelkurve nach links, die sie wieder auf einen genau nach Süden gerichteten Kurs bringt. Diese Richtung beinbehaltend fliegt die Patrouille nördlich von Säckingen auf einer Höhe von etwa 9000 Metern in die Wolken ein und überfliegt bald darauf den Rhein und damit die Schweizergrenze. Im Instrumentenflug gelangen die vier Thunderjets bis östlich von Olten. Dort leitet der Patrouillenführer – immer noch in den Wolken – einen Kurve nach rechts ein und fliegt auf genauem Westkurs weiter über den Jura. Nach ein paar weiteren Flugminuten verliert der 24-jährige Maurice Le Mahout, der auf der vierten Position der Patrouille fliegt, den Anschluss an seine Kameraden. Immer noch in den Gewitterwolken fliegend, wo es starke Turbulenzen hat, schert er nach links aus dem Verband aus.

Der Kampfjet geht in der Gewitterwolke in den Sturzflug über. Der Pilot entschliesst sich zum Aussteigen und leitet das Prozedere zum Schleudersitz-Abschuss ein. Le Mahout kommt aus dem Thunderjet frei, aber es gelingt ihm leider nicht, sich vom Sitz zu befreien und den Fallschirm zu ziehen, was noch von Hand hätte erfolgen sollen. Immer noch auf dem Sitz angeschnallt stürzt der Pilot durch die Wolke, prallt im Gewitterregen in den bewaldeten Hang 800 Meter nordöstlich von Romont und verliert auf der Stelle sein junges Leben. Seine Armbanduhr bleibt um 14.30 Uhr stehen.

Der Thunderjet rast 3.8 Kilometer von dieser Stelle entfernt beim Bergrestaurant „La Bluai“ in das Weidland der Tiefmatt. Durch die enorme Wucht des Aufpralls, der F-84 hatte eine Geschwindigkeit von 800 bis 900 km/h, wird ein Krater von 15 Metern Länge und drei Metern Tiefe in den Boden gerissen. Der Jet explodiert, Flugzeugteile werden bis 200 Meter weggeschleudert und das Flugpetrol verbrennt unter einer schwarze Rauchsäule 20 Minuten lang. Einzelne magnesiumhaltigen Teile brennen noch abends um 20 Uhr. Das Flugzeug ist derart zerstört, dass später kein einziges Instrument mehr gefunden werden konnte. Auch liessen sich während der Untersuchung keine Rückschlüsse mehr ziehen, ob der Pilot allenfalls wegen einer Beschädigung an der Zelle oder am Triebwerk das Flugzeug verlassen hatte.

Der Unfall ereignete sich auf dem Gemeindegebiet von Court, nur wenige Meter von der Grenze zum Gemeindegebiet von Grenchen entfernt. Damit waren die Behörden des Kantons Bern gefordert. Da aber der Regionalflugplatz Grenchen in unmittelbarer Nähe liegt, wurde hier auch eine Basis errichtet. Die sterblichen Überreste des Piloten und der Schleudersitz wurden in einen Hangar gebracht, und Grenchner Piloten fotografierten die Unfallstellen bei Romont und bei der Tiefmatt aus der Luft.

Die Leiche von Maurice Le Mahout wurde unter Ehrbezeugung der Schweizer Fliegertruppe in die Heimat überführt. Für diese fliegerkameradschaftliche Geste bedankte sich der französische Militärattaché in der Schweiz mit einem Schreiben vom 26. Mai 1953 beim Kommando der Flieger- und Flabtruppen. Die Untersuchung des Unfalles wurde vom damaligen Eidgenössischen Luftamt unter Leitung von Motorfluginspektor Francis Liardon geführt. Hierzu fand genau zwei Wochen nach dem Unfall, am 5. Juni 1953, in Grenchen eine Besprechung statt. Neben den Vertretern des Luftamtes und der Fliegertruppen beteiligten sich an dieser Sitzung auch Offiziere der französischen Luftwaffe und der Pilot, der den Verband geführt hatte, in dem der unglückliche Maurice Le Mahout mitgeflogen war. Die Unfallstelle auf der Tiefmatt wurde von den Spezialisten der Schweizer Fliegertruppe geräumt. Der Vorsteher des Eidgenössischen Militär-Departementes entschied später, dass die durch die Räumungsaktion entstandenen Kosten der französischen Regierung erlassen wurden.

Quelle

(Dieser Artikel ist Eigentum des Autors / der Autorin und kann deshalb nicht editiert werden.)

Weblinks